Russland Teil 5

23.6.2013 Astrakhan nach Elista km 205421

Gestern hat Uli nur eine halbe Schachtel geraucht, nur eine Tasse Kaffee getrunken und keinerlei Alk! Dass er das überlebt hat!

Und auch sonst vieles anders als erwartet. Schon in Saratov hieß es, die Mosquitos in Volgograd seien schrecklich, die in Astrakhan noch unbarmherziger und im Wolgadelta fast tödlich. Außer ein paar Angreifern im Hotelzimmer war nix, und haben unsere Blutrache zu spüren bekommen. Astrakhan ist ein Provinzstädtchen, die Blütezeit ist längst vorbei, auch von einer gewissen Exotik, die man beim Zusammentreffen europäischer und asiatischer Kulturkreise hätte erwarten können, ist kaum etwas zu spüren. Ein paar Moscheen und gelegentlich Menschen in islamischen Trachten haben wir in unseren Heimatvierteln Gostenhof bzw. Südstadt auch. Aber das Delta ist einzigartig, hat für alles entschädigt.

Und heute ging es weiter nach Elista, der Hauptstadt der Teilrepublik Kalmyken in Russland. Der einzigen buddhistischen Region in Europa. Unterwegs machten wir eine kurze Kaffeepause.

Dort trafen wir auf drei motorradfahrende Niederländer, die auf dem Weg in die Mongolei sind. Kurzer Smalltalk und gute Fahrt gewünscht und schon geht es weiter.

Nur eine kurze Etappe von gut 300 km durch die Steppe, schon um halb 3 waren wir um Hotel. Genügend Zeit, um über einen Markt zu schlendern, selbstverständlich haben wir kein Souvenir für Maik gefunden, ein paar Dinge einzukaufen und was zu essen. Und heute Abend haben wir Pläne für die nächsten Tage geschmiedet, aufregende und spannende Dinge erwarten uns.

24.6.2013 Elista

Elista ist ein relativ kleines Städtchen, 100 Tsd Einwohner, überwiegend mongolischer Abstammung. Wir wollten uns heute das Nationalmuseum und 2 Tempel ansehen. Aber montags sind fast alle Museen in Russland geschlossen, und ein Tempel war nicht zu finden. Aber der andere, der größte, war eindrucksvoll, schon von außen. Innen konnten wir dem Singsang der Mönche zuhören und die für Europäer ungewöhnliche Innenausstattung bewundern, Fotos waren nicht erlaubt. Da unser Programm deutlich abgekürzt war, machten wir uns einen ruhigen Tag, schlenderten über Märkte und durch Parks. Und am Abend haben wir kalmykisch gegessen, lecker! Und Maik hatte dazu einen Tee nach mongolisch/kalmykischer Tradition, mit Milch und viel Butter, bäääh.

25.6.2013 von Elista nach Kисповодск km 205800

Wenn ihr den Namen dieser Stadt hört, dann wisst ihr sicher sofort ganz genau, wo wir sind! Oder etwa nicht? Genau, wir sind am Fuße des Kaukasus. Die Fahrt empfanden wir beide als anstrengend, ohne zu wissen warum. Es war heiß, aber das war es ja sonst auch oft, und es gab fast keine Zwischenfälle. Fast heißt: Uli hat nach dem Prüfen des Ölstands vergessen, den Stopfen wieder einzuschrauben, und fuhr los. Bevor Maik das merkte, hatte sich schon ein halber Liter Öl gleichmäßig über den hinteren Teil von Ulis Motorrad verteilt, einschließlich Reifen, und auch sein Hosenbein bekam gut was ab. Also alles halbwegs abputzen, endlich putzt Maik Ulis Moped, nochmal Öl nachfüllen und STOPFEN EINSCHRAUBEN, dann ging es weiter. Unser Hotel hat ein wunderschönes rosa Bett, es liegt etwas ausserhalb in dem Kurort Kislovodsk, macht nix, der Ort hat außer Heilquellen nichts zu bieten und ist nur als Zwischenstopp geplant. Maik, der Герои, ist noch mal los und hat Proviant geholt. Jetzt genießen wir den Sommerabend auf der Terrasse.

26.6.2013 Kislovodsk – Ebrus – Kislovodsk

Die einfache Strecke sind rund 200 km, und da wir nicht wussten, wie die Strecke in den Bergen sein würde, standen wir früh auf. Beim Frühstückskaffee auf der Terrasse störte unser Reden die nebenan bei offenem Fenster Schlafenden, das wollen wir heute Abend wieder gut machen. Um 7 starteten wir die Mopeds, erst ging es knapp 50 km durch dicht besiedelte Gegend, dann kamen 50 km flaches Gelände wie wir es zur Genüge kennen, dann kamen über 100 km in die Berge. Sonnenschein, Strassenqualität fast wie in der Schweiz und richtige Kurven. Und vor Allem: Die Bergmassive des Kaukasus, mit dem Ebrus, dem höchsten Berg Europas, 5642 m.

Das ist unbeschreiblich, vielleicht können unsere Bilder ein wenig veranschaulichen, aber sicher nicht so, wie es live ist. Wir fuhren zum Fuß des Ebrus, gegen halb 12 waren wir da, aber so richtig hoch konnte man nicht fahren, nur auf ungefähr 2500 m. Dann sind wir mit der Seilbahn noch knapp 1000 m höher gefahren.

Eine wunderbare Aussicht und ein echt krasses Panemorama, ehj. (Uli:)Die Rückfahrt ließ sich zunächst auch gut an, aber dann kam der Regen. Maik hatte darauf bestanden, das Regenzeugs anzuziehen, Uli meinte es besser zu wissen und wurde nass, wer hören will muß fühlen. Und der Regen in den Bergen ist eiskalt! Fette, pechschwarze Wolken verfolgten uns die ganze Strecke bis zum Hotel. Klatschnass und durchgefroren kam Uli gegen 6 dort an, er war so übellaunig, dass nicht mal ein großer Schluck Wodka ihn oder sein Gemüt erwärmen konnte. Und das die Heizung im Hotel nicht funktionierte, machte den Scheißabend für ihn perfekt. Man kann das vielleicht auch anders sehen, aber dann ist eine Gegendarstellung erforderlich. Gegendarstellung (Maik): Alles Lüge im Bezug auf den Regen und so. Denn Uli wurde zwar nass, aber weil wir das Regenzeug nicht brauchten. Er schwitzt halt eben eh bissel mehr, der kleine Uli in der Regenkombi bei 30 Grad in der Sonne. In der Zeit, als wir unsere Regensachen anzogen, ist der Regen schon vorbei gezogen und wir müssen nur über nasse Strassen fahren. Sonst nix. Immer diese Mitleidstour, da bleib ich doch bei der nackten Wahrheit. Und der Schuldige erklärt sich dann von selbst.

Tatsächlich war es so, dass es sich etwas zuzog, wie es ja in den Bergen häufiger vorkommt. Maik befürchtete Regen und zog sich entsprechendend um. Uli folgte notgedrungen, damit wir gegebenenfalls nicht noch einmal anhalten mußten, dabei grummelte und murrte er heftig, weil es ja noch garnicht regnete. Kurz danach war die Straße für ein paar Kilometer etwas nass, aber es regnete nicht, obwohl Maik es sich wünschte. Die dunklen Wolken blieben auf Distanz, nach wie vor war es warm, und Uli wurde nass, gedünstet im eigenen Schweiß unter der Regenkombi. Aber wenigstens hatte er genügend Grund, Maik wegen seiner Regenangst zu verspotten. 🙂

27.6.2013 Kislovodsk nach Лабинск

Na, alles klar, wir sind in einer weltbekannten Stadt am Rand des Kaukasus. Keine 300 km standen auf dem Programm, also lassen wir es langsam angehen und starten erst kurz vor 10. Das Navi erfreute uns zunächst mit einer ausführlichen Stadtrundfahrt, und bei der Routengestaltung zeigte sich die gute Frau im Navi kreativ und phantasievoll: Unter anderem gehörte eine geschotterte Baustellendurchfahrt, eine gesperrte Brücke, eine Einbahnstraße und eine Sackgasse dazu. Nach einer Dreiviertelstunde entschlossen wir uns jedoch Kislovodsk zu verlassen, unter ständigem Protest der Dame im Navi. Es ging weiter in ein Tal, flussaufwärts. Das Tal wurde zunehmend enger, die Straßen kurviger und dann ging es über einen Pass, gut 2000 m.

Auf der anderen Seite dann das gleiche in umgekehrter Reihenfolge. Das hat richtig Spaß gemacht, man konnte zügig fahren, aber nicht zu schnell. Denn gelegentlich, plötzlich und unverhofft, wurde die meist gute Strasse unterbrochen von kurzen Schotterstrecken, sandigen Passagen oder es stand eine Kuhherde auf der Strecke, oder Schafe, Pferde oder Esel…

Beim Tankstop sprach uns Wxxx? an, direkt mit Handschlag und „Salem aleikum“. Nach den üblichen Fragen, woher, wohin, wie lange und irgendwelche Fragen zu den Mopeds fragte er, ob wir Kaffee oder Tee wollten, und wir wollten.

Wir gingen in das Café, seine 2 Kumpels und er folgten, und sie nötigten uns geradezu, eine leckere Kalbfleischpastete zu essen, dazu tranken wir Kaffe und das Nationalgetränk Ayran, nur den Wodka lehnten wir konsequent ab. Und als es ans bezahlen ging, bestanden sie darauf, dass wir eingeladen sind und drückten uns zusätzlich noch für den Abend eine Flasche Wodka in die Hand, mit Blinklicht im Boden! Super gastfreundlich! Wer von uns hat so etwas schon mal mit vorübereilenden wildfremden Ausländern gemacht? Ich jedenfalls nicht, noch nicht!

Nach 100 km wurde es dann hügelig und bewaldet mit angenehm geschwungenen Strassen, und die letzte Etappe bis Labinsk war dann flach mit Feldern und Wiesen.

Das einzige (bekannte) Hotel liegt am Stadtrand, idyllisch umgeben von einem Schrottplatz, einer Baustoffhandlung und einer Autowaschanlage. Was soll’s, es gibt ein Restaurant und einen schattigen Garten, und Morgen ziehen wir weiter. Uns könnte es kaum besser gehen!

28.6.2013 Labinsk nach Dzhugba (Schwarzes Meer) km 206770

Mit einem Kaffee in der früh Werkszüge und Menschen die zur Arbeit gehen beobachten, was gibt’s besseres. Reisen und Vorurteile töten!

Wir sind jetzt auf den Kilometer genau noch 3000 km von Nürnberg entfernt, die kürzeste Strecke gesehen. Aber wir werden nicht die Kurze Strecke nehmen, hähä!!!

Die Fahrt durch Labinsk zeigte uns durch zahlreiche Kriegsmahnmale, wieviele Opfer die deutsche faschistische Kriegswalze auch hier gefordert hat. Die Stadt wurde im zweiten Weltkrieg sehr stark zerstört.

Die Tour fing so an, wie sie gestern auf hörte. Flach. Das änderte sich aber ziemlich schnell. Es wurde immer bergiger und die Kurven nahmen zu, auch im Höhenniveau. Natürlich nicht zu vergessen, die Löcher und der sich sehr schnell, sehr beliebt nach Kurven, wechselnde Strassenbelag. Von Top, zu rau, zu löchrig, über Schotter, bis Erde. Volle Konzentration war angesagt, eine kleine Unachtsamkeit im falschen Augenblick und ein übler Sturz wäre die mögliche Folge. Viele Baustellen zeigten aber das bemühen, diese Zustände deutlich zu verbessern. Man muss das mal so sehen, dass ist ein riesiges Land, enorme Entfernungen und das muss man erst mal stemmen. Naja, jedenfalls war das heutige Fahr-Highlight die Überquerung des kleinen Gebirgspasses von 443 m zur Schwarzmeerküste.

10 Kilometer vor dem Pass war der Strassenbelag nicht mehr existent. Schotterreste und der feingemahlene Staub des felsigen Untergrundes. Einige Zeit vor dem Pass, begegneten wir unterwegs drei Motorradreisenden mit ihren BMW’s. Beim aneinander vorbeifahren, wunderte wir uns noch warum Sie und ihre Maschinen so weiß waren? Jo, jetzt wussten wir’s! Über den Kaukasus gibt es nur sehr wenige Pässe. Erst bei den Ausläufern des Kaukasus sind Strassen auf die andere Seite. Eine davon sind wir heute gefahren. Nach insgesamt 15 Kilometern Pass hatten wir wieder festen Belag unterm Reifen. Und dann Kurvenfressen. Ankunft bei der Adresse des Gästehauses mit der Nummer 5. Alles stimmte, bis auf den Hausnummernzusatz „a“. Dieser fehlte bei der Adressenangabe im Internet. Wir klingelten und es kam eine ältere Dame aus einem typisch russischen Haus. Sehr freundlich bat sie Maik in ihren Garten und bot ihm ein Platz auf ihrer Bank an. Tja, da sassen die zwei und keiner wusste so richtig vom anderen was jetzt los ist. Die Babuschka war offensichtlich über einen fremden Gesprächspartner erfreut. Nach kurzem Suchen in der Umgebung, entschloss sich Maik den Wirt an zu rufen. Dieser holte uns an der nicht vollständigen Adresse ab.

Das mit den Adressen in Russland ist eine eigene Geschichte. Das Gästehaus sehr gut und der Chef fuhr uns freiwillig zum Supermarkt, weil wir uns mit kleinem Proviant versorgen wollten.

29.6.2013 Dzhugba

Der Morgen begann mit Lärm ab halb 5, Türen schlagen, lauter Fernseher, Handytelefonate, die das ganze Haus mithören konnte. 2 neue Gäste waren gekommen, die genau dem Klischee das üblen neureichen Russen entsprachen: den dicken BMW vor der Tür, fette Goldkette um den Hals, Rolex am Armgelenk schoben sie ihre Bäuche (dicker als Ulis!) im breitbeinigen Machogang über die Anlage. Einfach ignorieren ist das Motto, zum Glück ist diese Spezies selten.

Es war warm und bedeckt, ideal für Kalkeimer, die zum Strand wollen, und nach dem Frühstückskaffee zogen wir los. Und es gab gleich 2 Überraschungen: das Schwarze Meer ist garnicht schwarz, sondern blau (tätää) und es waren Fotoreporter da, denn man hatte Wale gesichtet:

Es klarte immer mehr auf, uns wurde zu heiß und Sonnenbrand drohte. Also latschten wir ins Zentrum, wo wir etwas aßen und wunderbare Souvenirs für unsere Helme fanden, Antennen haben wir ja nicht am Moped, echt Silberfuchs.

Der Rückweg ins Hotel war eine äußerst schweißtreibende Angelegenheit, nachmittags macht man am besten nur eines, nämlich Siesta, um danach ausgeruht den Abend zu genießen.

30.6.2013 Dzhugba nach Kerch

Die Flucht aus Russland ist gelungen! Aber vielleicht war das garnicht so gut? Dazu später mehr.

Frühstückskaffee schlürfen, Mopeds betanken und Luft prüfen, um Punkt 9 waren wir unterwegs, wir freuen uns auf die Krim. Bis zum Hafen sind es knapp 300 km die Küste entlang. Die Strasse ist gut, nur leider teilweise viel Verkehr und da, wo etwas Sand ist, total zugebaut, aber das kennt man ja von fast allen Küstenstraßen der Welt. Aber dennoch, es hat Spaß gemacht, Ulis Koffer setzten in den Kurven auf, und wir kamen gut vorwärts, kurz nach eins waren wir im Fährhafen.

Und dann: Anstehen für das Fährticket, warten auf die Ausreiseabfertigung, man bekommt immer wieder neue Zettelchen, Täfelchen, Kärtchen, usw., die man dann irgendwo später wieder vorzeigen oder abgeben muß, dann eine gute halbe Stunde auf der Fähre, auf ukrainischer Seite geht es dann etwas schneller, aber es ist halb 6 bis wir da raus sind.

Maik hat die Faxen dicke, es sind nur ein paar Minuten bis nach Kerch, und dort kehrt er ins erstbeste Hotel ein. Und es ist das erste und beste Hotel am Platz für über 100€ pro Nacht. Egal, über 9 Stunden unterwegs sind einfach genug. Jetzt wollen wir was essen und trinken, und wieder staunen wir: Das günstigste Bier in einer Kneipe kostet, fast 4€ eine normale Pizza ab ca. 20€. Die Krim war schon zur Sowjetzeit ein Urlaubsort für besser gestellte, jetzt sind hier die neuen Reichen, und es ist alles teuer, wir hoffen, das ist nicht in der ganzen Ukraine so. Aber bis wir nichts preiswerteres finden, werden wir wohl öfter in den Supermarkt gehen.

Alles ist wieder neu!

Unter anderem auch der Wechselkurs. Wir haben gerade bemerkt, dass es seit unserem Start anscheinend eine Abwertung in der Ukraine um das 2,5 – 3 fache gegeben hat. Und plötzlich ist das Hotel, Pizza und Bier wieder günstig, hurra!

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